In Europa sind heute mehr als 35 Prozent der Beschäftigten einem hohen Risiko für psychische Erkrankungen ausgesetzt, weitere 43 % einem moderaten Risiko. Angstzustände und Isolation sind nach wie vor weit verbreitet: Fast jeder dritte Mitarbeitende (29 %) gibt an, dass seine psychische Gesundheit die Arbeitsproduktivität negativ beeinflusst.
Von den Vereinigten Staaten über das Vereinigte Königreich und Deutschland bis nach Singapur und Südkorea zeigt sich ein ähnliches Bild. Müdigkeit, die Schwierigkeit, Familie und Arbeit in Einklang zu bringen, finanzielle Belastungen und wirtschaftliche Unsicherheit erzeugen einen beispiellosen Druck auf die globale Arbeitswelt. Das äußert sich in Produktivitätseinbußen, Fehlzeiten und Fluktuation.
Seit 2017 beobachten wir diese Entwicklungen mithilfe des TELUS Health Mental Health Index (MHI) – einem Instrument, das wir entwickelt haben, um die psychische Gesundheit von Beschäftigten weltweit zu analysieren. Die gewonnenen Erkenntnisse zeigen Ihnen, wie es den Mitarbeitenden wirklich geht, welche Faktoren ihr Wohlbefinden beeinflussen und wo Belastungen zunehmen – und liefern die Grundlage, um gezielt und strategisch handeln zu können.
Wir wissen: Zukunftsorientierte Unternehmen brauchen nicht nur punktuelle Rückmeldungen. Sie müssen jederzeit erkennen können, wie es allen Mitarbeitenden geht, Trends verstehen und daraus gezielte Maßnahmen ableiten, die Wirkung zeigen. Und genau hier beginnt es: damit, das zu messen, was sowohl für Ihr Unternehmen als auch für Ihre Mitarbeitenden wirklich zählt.
Warum Stress ein wirtschaftliches Thema ist
Die meisten Führungskräfte stellen nicht in Frage, dass ihre Mitarbeitenden gestresst sind. In den letzten fünf Jahren haben wir auf fast allen Ebenen enorme Veränderungen erlebt – von Jobboom und -crash über geopolitische Instabilität, stark veränderte Branchen, eine beispiellose digitale Transformation bis hin zur schnellen Umstrukturierung der Arbeitswelt durch generative KI.
Der State of the Global Workplace Report 2025 von Gallup zeigt, dass rückläufiges Engagement allein im vergangenen Jahr weltweit Kosten von 438 Milliarden US-Dollar verursacht hat. Laut der Weltgesundheitsorganisation gehen jährlich weltweit rund zwölf Milliarden Arbeitstage aufgrund von Depressionen und Angststörungen verloren – was etwa einer Billion US-Dollar an entgangener Produktivität entspricht.
Langfristiger Stress wirkt sich zudem auf die körperliche Gesundheit aus und wird unter anderem mit unterschiedlichen Erkrankungen in Verbindung gebracht, etwa im Herz‑Kreislauf‑Bereich oder im Stoffwechsel.
Wenn Stress nicht frühzeitig erkannt und behandelt wird, kumuliert er – bis Mitarbeitende körperlich, emotional und psychisch erschöpft sind. Genau so entsteht Burnout. Und anders als eine Grippe verschwindet er nicht nach ein paar Wochen. Burnout lässt sich verhindern und behandeln – durch echte Veränderungen, inklusive strategischer Unterstützungsmaßnahmen, Aufbau von Vertrauen und Verbesserung der Unternehmenskultur.
Das McKinsey Health Institute schätzt, dass eine verbesserte Mitarbeiter:innen-Gesundheit weltweit wirtschaftliche Werte von bis zu 11,7 Billionen US-Dollar freisetzen könnte – durch weniger Fehlzeiten, niedrigere Gesundheitskosten und höhere Produktivität.
Wie Sie Daten nutzen können, um Ihre Unternehmensstrategie zu steuern
Die größte Herausforderung besteht darin, frühzeitig zu erkennen, wo sich Stress aufbaut – noch bevor er sich in Ihren Kennzahlen niederschlägt.
Denn Stress ist kein einheitliches Phänomen und wirkt sich nicht auf alle Menschen gleich aus. Er kann durch Arbeitsbelastung, finanziellen Druck, Betreuungsaufgaben, Schlafmangel, fehlende Anerkennung oder mangelnde psychologische Sicherheit entstehen – um nur einige Auslöser zu nennen. Zudem unterscheidet er sich je nach Bevölkerungsgruppe und Region. Ohne Einblick in diese Muster können Führungskräfte oft nur spekulieren, wie sie am wirksamsten reagieren können.
Wie funktioniert der Mental Health Index?
Genau aus diesem Grund haben wir den Mental Health Index entwickelt. Jedes Quartal befragen wir Berufstätige in 12 Ländern und Regionen – darunter Kanada, die USA, das Vereinigte Königreich, Europa und der asiatisch-pazifische Raum. Die erhobenen Daten bilden die jeweilige Erwerbsbevölkerung nach Alter, Geschlecht, Branche und Standort ab und liefern damit eine repräsentative Vergleichsbasis.
Im Unterschied zu vielen anderen Erhebungen erfassen wir, wie es den Menschen tatsächlich geht: ob sie sich konzentrieren können, gut schlafen, mit Druck umgehen und leistungsfähig bleiben – nicht nur, ob sie mit ihrer Arbeit zufrieden sind. Die Befragungen berücksichtigen sowohl persönliche als auch arbeitsbezogene Belastungsfaktoren wie finanziellen Druck, Isolation oder Arbeitsbelastung. Mithilfe eines wissenschaftlich validierten Bewertungssystems werden die einzelnen Antworten in Punktwerte übersetzt und zu einem Gesamtwert zwischen 0 und 100 zusammengeführt, der das Risikoniveau für Ihr Unternehmen abbildet:
Da wir dieselben Kennzahlen kontinuierlich erfassen, erkennen wir Entwicklungen frühzeitig.
- Steigt der finanzielle Druck, wächst das Leistungsrisiko: In Italien erzielten Beschäftigte, die aufgrund finanzieller Belastung ihre Ausgaben für Gesundheit und Wohlbefinden reduziert hatten, mentale Gesundheitswerte, die fast zehn Punkte unter dem nationalen Durchschnitt lagen. Zudem gaben 32 % der Beschäftigten an, dass sich ihre psychische Gesundheit negativ auf ihre Produktivität auswirkt.
- Nimmt die Schlafqualität ab, steigt das Burnout-Risiko: In Neuseeland berichten Beschäftigte, die mit ihrem Schlaf unzufrieden sind, MHI-Werte, die nahezu 16 Punkte unter denen von Personen mit gutem Schlaf liegen. 35 % sagen, dass schlechter Schlaf ihre Produktivität verringert hat, und 54 % geben an, sich schlechter konzentrieren zu können.
- Verbessert sich der Optimismus, steigen auch Fokus und Entscheidungsfähigkeit: In Kanada ging ein Anstieg des Optimismus-Teilwerts im Juni gegenüber März mit einer höheren Produktivität im Quartalsvergleich einher.
Wie sich die Forschung weiterentwickelt
Jedes Quartal untersuchen wir aktuelle Einflüsse – sowohl außerhalb als auch innerhalb des Arbeitsumfeldes. Zu den äußeren Belastungen zählen finanzielle Unsicherheit, Betreuungs- und Pflegeaufgaben sowie wirtschaftliche Instabilität; zu den innerbetrieblichen Faktoren gehören Arbeitsbelastung, die Beziehung zu Führungskräften, psychologische Sicherheit und Anerkennung.
Im Juli 2024 haben wir die Menopause am Arbeitsplatz untersucht und festgestellt, dass sich in den USA 67 % der Frauen unzureichend informiert und nicht vorbereitet fühlen. Dadurch ist die Wahrscheinlichkeit für fehlenden Optimismus und depressive Symptome bei ihnen nahezu doppelt so hoch. Andere Erhebungen befassten sich unter anderem mit der Dynamik einer generationenübergreifenden Belegschaft und den Auswirkungen finanzieller Belastungen auf das Wohlbefinden. Unsere Forschung orientiert sich daran, was Menschen tatsächlich beschäftigt – damit klar wird, wo Unterstützung am dringendsten gebraucht wird.
Warum maßgeschneiderte Unterstützung wichtig ist
Unterschiedliche Bevölkerungsgruppen erleben Belastungen auf unterschiedliche Weise. Zum Beispiel:
Frauen in Europa geben zu 45 % häufiger als Männer an, unter starkem Burnout zu leiden, und ihre Werte zur psychischen Gesundheit liegen seit Jahresbeginn um sechs Punkte niedriger.Jüngere Europäer:innen berichten zudem um 65 % häufiger von Motivationsproblemen als ihre Kolleg:innen über 50. Im Vereinigten Königreich sagen 26 % der Beschäftigten, dass ihre psychische Gesundheit ihre Produktivität beeinträchtigt. Dabei sind jüngere Beschäftigte 60 % häufiger als über 50-Jährige dazu geneigt, sich selbst negativer zu sehen, wenn sie psychische Probleme haben.
Diese Unterschiede zu verstehen hilft Führungskräften, passgenaue Unterstützungsangebote zu entwickeln – und zeigt, dass Wohlbefinden kein Einheitskonzept ist. Es ist eine bewusste, gezielte Aufgabe.
Checkliste für Führungskräfte
- Ausgangslage bestimmen: Nutzen Sie den MHI als Referenz, um den mentalen Gesundheitszustand Ihrer Organisation mit allgemeinen Trends in der Arbeitswelt zu vergleichen.
- Daten zusammenführen: Kombinieren Sie die MHI-Ergebnisse mit internen Kennzahlen (z. B. Produktivität, Mitarbeiterbindung, Fehlzeiten), um Belastungsschwerpunkte zu erkennen.
- Führungskräfte befähigen: Stellen Sie sicher, dass Vorgesetzte über die passende Sprache, die richtigen Werkzeuge und klare Handlungswege verfügen, um frühe Anzeichen von Überlastung bei Mitarbeitenden zu erkennen.
- Muster frühzeitig erkennen: Beobachten Sie Veränderungen bei zentralen Indikatoren wie Schlaf, finanzieller Druck oder Optimismus, damit Sie eingreifen können, bevor Probleme eskalieren.
- Maßnahmen gezielt ausrichten: Entwickeln Sie Unterstützungsangebote, die auf die konkreten Belastungen Ihrer Teams zugeschnitten sind – statt pauschaler Lösungen für alle.
- Fortschritte messen: Führen Sie regelmäßig neue Befragungen durch und vergleichen Sie Ausgangswerte mit Geschäftsergebnissen, um zu prüfen, ob die Veränderungen wirken.
Wenn Sie verstehen, was Menschen wirklich belastet – finanzieller Druck, Arbeitslast, fehlende Anerkennung oder Isolation –, können Sie früher eingreifen. Klar. Mitfühlend. Die Zukunft gehört Arbeitsplätzen, in denen Wohlbefinden und Leistung Hand in Hand gehen.


